Die Europäische Union möchte ihre Versorgung mit kritischen Rohstoffen langfristig widerstandsfähiger gestalten. Dafür sollen die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten verbessert, strategische Vorräte aufgebaut und Investitionen in europäische Rohstoffprojekte erleichtert werden.

Am 20. Oktober 2026 hat das Europäische Parlament seine Position zu einer Überarbeitung des Critical Raw Materials Act angenommen.

470 Abgeordnete stimmten dafür, 83 dagegen und 108 enthielten sich.

Ein zentraler Bestandteil der parlamentarischen Position ist die geplante Einrichtung eines eigenständigen europäischen Zentrums für kritische Rohstoffe. Ergänzend fordert das Parlament einen Rohstofffonds mit einem anfänglichen EU-Beitrag von zwei Milliarden Euro.

Damit sollen Versorgungsrisiken reduziert und die industrielle Wettbewerbsfähigkeit Europas gestärkt werden.

Die Vorschläge sind allerdings noch nicht endgültig verabschiedet. Zunächst müssen sich das Europäische Parlament und der Rat der Europäischen Union auf die gesetzliche Ausgestaltung verständigen.

Warum kritische Rohstoffe für Europas Industrie wichtig sind

Zahlreiche moderne Technologien benötigen Materialien, deren Förderung oder Verarbeitung weltweit auf wenige Länder konzentriert ist.

Dazu gehören unter anderem Lithium, Kobalt, Nickel und verschiedene Seltene Erden.

Lithium und Nickel werden beispielsweise in bestimmten Batterietechnologien eingesetzt. Seltene Erden sind unter anderem für leistungsfähige Permanentmagnete wichtig, die in Elektromotoren, Windkraftanlagen und industriellen Maschinen verwendet werden.

Auch die Halbleiterindustrie, die Luft- und Raumfahrt sowie verschiedene Verteidigungstechnologien sind auf bestimmte kritische Materialien angewiesen.

Für europäische Unternehmen entsteht dadurch eine besondere Herausforderung.

Selbst wenn ein Produkt innerhalb der Europäischen Union entwickelt oder hergestellt wird, können wichtige Rohstoffe und Verarbeitungsschritte aus anderen Teilen der Welt stammen.

Ein Rohstoff kann beispielsweise in einem Land gefördert, in einem anderen aufbereitet und anschließend in einem dritten Land zu einem industriellen Bauteil verarbeitet werden.

Kommt es innerhalb dieser Lieferkette zu Störungen, können Produktionskosten steigen, Lieferzeiten länger werden oder benötigte Materialien vorübergehend fehlen.

Die Versorgungssicherheit hängt deshalb nicht allein von den Rohstoffvorkommen ab, sondern auch von den verfügbaren Verarbeitungs- und Transportwegen.

Was die europäische Rohstoffagentur übernehmen soll

Im Mittelpunkt der parlamentarischen Vorschläge steht ein eigenständiges europäisches Zentrum für kritische Rohstoffe.

Dieses soll Aufgaben bündeln, die bislang auf unterschiedliche Einrichtungen und Zuständigkeiten verteilt sind.

Ein Schwerpunkt wäre die Analyse möglicher Versorgungsrisiken.

Das Zentrum könnte untersuchen, bei welchen Materialien besonders starke Abhängigkeiten bestehen und welche Auswirkungen Lieferunterbrechungen auf europäische Industriezweige hätten.

Darüber hinaus soll es die Zusammenarbeit bei der Rohstoffbeschaffung verbessern und den Aufbau strategischer Vorräte koordinieren.

Auch die Unterstützung neuer Rohstoffprojekte und die Bereitstellung von Informationen über internationale Märkte gehören zu den vorgesehenen Aufgaben.

Eine zentrale Einrichtung könnte dadurch helfen, wirtschaftliche Risiken früher zu erkennen und Maßnahmen zwischen den Mitgliedstaaten besser abzustimmen.

Wie das Zentrum organisiert und finanziert werden soll, muss jedoch noch im weiteren Gesetzgebungsverfahren festgelegt werden.

Zwei Milliarden Euro für einen europäischen Rohstofffonds

Neben der neuen Einrichtung fordert das Europäische Parlament einen eigenen Fonds zur Unterstützung strategischer Rohstoffprojekte.

Vorgesehen ist ein anfänglicher Beitrag von zwei Milliarden Euro aus dem künftigen langfristigen EU-Haushalt für die Jahre 2028 bis 2034.

Die Mittel sollen Investitionen in die Förderung, Verarbeitung und Wiederverwertung kritischer Rohstoffe erleichtern.

Viele dieser Projekte sind mit erheblichen wirtschaftlichen Risiken verbunden.

Der Aufbau einer neuen Mine oder Verarbeitungsanlage kann mehrere Jahre dauern und hohe Anfangsinvestitionen erfordern.

Gleichzeitig unterliegen Rohstoffpreise teilweise starken Schwankungen.

Für Unternehmen ist es deshalb schwierig, langfristige Investitionen zu planen, wenn die späteren Einnahmen nur begrenzt vorhersehbar sind.

Ein diskutierter Ansatz sind sogenannte Differenzverträge.

Dabei können bestimmte Preisrisiken durch vertraglich festgelegte Ausgleichsmechanismen begrenzt werden.

Solche Instrumente könnten Investoren zusätzliche Planungssicherheit bieten.

Wie der Fonds konkret ausgestaltet wird und welche Projekte Unterstützung erhalten könnten, ist allerdings noch offen.

Die vorgeschlagenen zwei Milliarden Euro sind somit keine bereits bereitgestellten Fördermittel, sondern Bestandteil der parlamentarischen Finanzierungspläne.

Gemeinsame Beschaffung und strategische Vorräte

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf einer besseren Koordinierung der europäischen Rohstoffnachfrage.

Bislang beschaffen viele Unternehmen benötigte Materialien weitgehend eigenständig über internationale Lieferanten.

Bei plötzlichen Engpässen kann es dadurch zu zusätzlichem Wettbewerb um begrenzte Mengen kommen.

Gemeinsame Beschaffungsmechanismen könnten helfen, den Bedarf verschiedener Unternehmen oder Mitgliedstaaten besser aufeinander abzustimmen.

Strategische Vorräte sollen ergänzend dazu beitragen, kurzfristige Lieferunterbrechungen abzufedern.

Sie würden den regulären internationalen Handel nicht ersetzen, sondern zusätzliche Sicherheit für außergewöhnliche Versorgungssituationen schaffen.

Allerdings sind solche Maßnahmen mit praktischen Herausforderungen verbunden.

Nicht jeder Rohstoff lässt sich gleichermaßen einfach lagern. Hinzu kommen Kosten für Beschaffung, Lagerung und Verwaltung.

Außerdem müsste festgelegt werden, unter welchen Voraussetzungen Reserven freigegeben werden und welche Unternehmen darauf zugreifen könnten.

Ob solche Instrumente wirksam sind, hängt deshalb wesentlich von ihrer konkreten Organisation ab.

Recycling soll Europas Rohstoffversorgung stärken

Neben neuen Bezugsquellen gewinnt die Wiederverwertung vorhandener Materialien an Bedeutung.

Viele kritische Rohstoffe befinden sich bereits in Produkten, die innerhalb Europas genutzt werden.

Dazu gehören beispielsweise Batterien, Elektromotoren, elektronische Geräte und industrielle Maschinen.

Werden solche Produkte am Ende ihrer Nutzungsdauer gesammelt und fachgerecht verarbeitet, können bestimmte Materialien zurückgewonnen werden.

Das könnte langfristig den Bedarf an neu eingeführten Rohstoffen verringern.

Allerdings sind die technischen Voraussetzungen unterschiedlich.

Während einige Materialien bereits in größerem Umfang recycelt werden, befinden sich andere Rückgewinnungsverfahren noch im industriellen Aufbau.

Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang Permanentmagnete.

Sie enthalten häufig Seltene Erden, deren Verarbeitung weltweit stark konzentriert ist.

Das Europäische Parlament unterstützt deshalb einen Vorschlag, unter bestimmten Bedingungen Ausfuhrbeschränkungen für Abfälle und Schrott mit Permanentmagneten zu ermöglichen.

Damit sollen wertvolle Materialien für europäische Recycling- und Verarbeitungsunternehmen verfügbar bleiben.

Ein allgemeines Exportverbot für solche Materialien ist damit jedoch nicht bereits beschlossen.

Welche Herausforderungen bei der Umsetzung bestehen

Eine stärkere europäische Rohstoffversorgung lässt sich nicht allein durch neue Institutionen oder zusätzliche Fördermittel erreichen.

Der Aufbau von Förder- und Verarbeitungskapazitäten benötigt geeignete Standorte, technische Anlagen, qualifizierte Arbeitskräfte und langfristige Investitionen.

Hinzu kommen Umwelt- und Genehmigungsfragen.

Rohstoffprojekte können erhebliche Eingriffe in Landschaften und Ökosysteme verursachen.

Deshalb müssen wirtschaftliche Interessen mit Anforderungen an Umwelt-, Natur- und Gesundheitsschutz vereinbart werden.

Auch die gesellschaftliche Akzeptanz spielt eine Rolle.

Neue Bergbau- oder Verarbeitungsprojekte können auf Widerstand stoßen, insbesondere wenn Anwohner negative Auswirkungen auf ihre Umgebung befürchten.

Darüber hinaus müssen neue europäische Produktionsstandorte langfristig wettbewerbsfähig sein.

Europäische Unternehmen konkurrieren auf internationalen Märkten mit Anbietern, die teilweise über bestehende Infrastruktur, große Produktionsmengen oder günstigere Kostenstrukturen verfügen.

Der vorgeschlagene Rohstofffonds könnte einzelne Investitionsrisiken verringern. Er kann jedoch nicht sämtliche wirtschaftlichen und strukturellen Schwierigkeiten beseitigen.

Internationale Partnerschaften bleiben notwendig

Trotz der geplanten Maßnahmen wird Europa auch künftig auf internationale Rohstofflieferanten angewiesen sein.

Viele wichtige Lagerstätten befinden sich außerhalb der Europäischen Union.

Eine vollständige Eigenversorgung wäre deshalb bei zahlreichen Materialien weder kurzfristig realistisch noch zwangsläufig wirtschaftlich sinnvoll.

Stattdessen verfolgt die EU das Ziel, ihre Bezugsquellen stärker zu diversifizieren.

Dazu gehören Partnerschaften mit rohstoffreichen Ländern ebenso wie Investitionen in Verarbeitung, Recycling und alternative Technologien.

Solche Kooperationen können beiden Seiten wirtschaftliche Vorteile bieten.

Für rohstofffördernde Länder entstehen beispielsweise Möglichkeiten, zusätzliche Verarbeitungskapazitäten aufzubauen und stärker an industriellen Wertschöpfungsketten teilzunehmen.

Für europäische Unternehmen könnten sich dadurch weitere Liefermöglichkeiten ergeben.

Allerdings müssen solche Partnerschaften langfristig verlässlich sein und wirtschaftliche, soziale sowie ökologische Anforderungen berücksichtigen.

Wie es politisch weitergeht

Mit der Abstimmung vom 20. Oktober hat das Europäische Parlament seine Position zur Weiterentwicklung des Critical Raw Materials Act festgelegt.

Das Gesetzgebungsverfahren ist damit jedoch noch nicht abgeschlossen.

Die parlamentarischen Vorschläge müssen mit dem Rat der Europäischen Union verhandelt werden.

Dabei können sich einzelne Bestimmungen noch verändern.

Das betrifft insbesondere die Organisation des geplanten Rohstoffzentrums, seine Finanzierung und die vorgesehenen Instrumente zur Unterstützung strategischer Projekte.

Auch die Bereitstellung der vorgeschlagenen Haushaltsmittel hängt von weiteren politischen und finanziellen Entscheidungen ab.

Erst nach einer endgültigen Einigung wird feststehen, welche neuen Regelungen tatsächlich in Kraft treten.

Europas Rohstoffstrategie wird konkreter

Die Entscheidung des Europäischen Parlaments zeigt, welchen Stellenwert die Versorgung mit kritischen Rohstoffen inzwischen in der europäischen Wirtschaftspolitik einnimmt.

Dabei geht es nicht nur um die Verfügbarkeit einzelner Materialien.

Entscheidend ist auch, ob Europa über ausreichende Möglichkeiten verfügt, Rohstoffe zu verarbeiten, wiederzuverwerten und für wichtige industrielle Anwendungen bereitzustellen.

Eine gemeinsame Rohstoffagentur könnte helfen, Versorgungsrisiken früher zu erkennen und Maßnahmen zwischen den Mitgliedstaaten besser abzustimmen.

Zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten könnten zugleich Investitionen erleichtern, deren wirtschaftliche Risiken bislang als zu hoch gelten.

Ob diese Instrumente tatsächlich zu einer widerstandsfähigeren europäischen Industrie beitragen, wird jedoch von ihrer konkreten Umsetzung abhängen.

Die zentrale Herausforderung besteht darin, Europas Rohstoffversorgung langfristig zu sichern, ohne internationale Zusammenarbeit, wirtschaftliche Tragfähigkeit und ökologische Verantwortung aus dem Blick zu verlieren.

Die parlamentarische Abstimmung ist dafür ein politischer Schritt. Wie wirksam die geplanten Maßnahmen sein werden, muss sich erst in den kommenden Jahren zeigen.